Rita Siegfried

virtuose Malerei als appropriation art

Höchst bemerkenswert, dass die Jury der Kunsthalle Bern an der Cantonale Berne Jura 2018 drei Werke von Rita Siegfried äusserst prominent im Aaresaal ausstellen liess. Im Begleittext ist dazu folgendes zu lesen:
<Unkonventionelle Interieurmalerei zeigt RITA SIEGFRIED mit ihrer kleinformatigen Gemäldeserie Chinesische Räume (2016/17). Es handelt sich um Zimmerbilder, wie man sie fast ausschliesslich aus der Zeit des Biedermeiers kennt. Nicht nur die Grösse von Siegfrieds Bildern (alle um die 30x20 cm) ist nahezu identisch mit der historischen Gattungsvorlage, auch die Bescheidenheit der dargestellten Objekte lässt sich vergleichen. Dies obwohl Siegfrieds Chinesische Räume offensichtlich den Innenraum des bürgerlichen Interieurs des frühen 19.Jahrhunderts zur Vorlage haben. Interessant an der leicht erhöhten Perspektive Siegfrieds ist, dass man immer von aussen in die Räume hinein blickt und somit Innen- und Aussenraum in Frage gestellt wird. Das Individuum, das nur indirekt über sein Eigentum dargestellt wird, erhält keine Konturen, bleibt geisterhaft. Uebrig bleibt eine gespenstische Idylle.>

Hinter diesen mit grosser Meisterschaft gemalten Werken ist ein langer Weg. Am Anfang stand Ausbildung und Tätigkeit als Vergolderin. Heute unterrichtet sie dieses Fach den wenigen verbliebenen Studentinnen und Studenten an der Hochschule der Künste Bern. Dazwischen lag das dreijährige Studium <Bildende Kunst> an der Schule für Gestaltung Bern. Seit dieser Zeit begann die Künstlerin umzudenken. Zunächst wollte sie Jongleurin werden, oder Musikerin. Das seit Kindsbeinen geübte Talent hingegen war Zeichnen. Dazu sagt sie: <Während acht Jahren (2000 - 2008) habe ich Details aus Bildern niederländischer Meister aus dem 15.Jahrhundert gemalt. Kleine Ausschnitte, die im ganzen Bild oft gar nicht so beachtet werden, sollten zu eigenständigen Bildern werden. Die so entstandenen Bilder sollten wie Momentaufnahmen sein, in denen der Lauf der Zeit still steht>.

Der Künstlerin gefallen Landschaften - also Aussenräume - und Innenräume. Aber nur den europäischen  (Innen-)Raum oder nur die asiatischen Landschaften fand sie langweilig. Daraus sind die in der Kunsthalle Bern gezeigten Fusionsbilder entstanden, die ein Zeit und Raum aufhebendes Mysterium sind.

Die neuesten Fusionsbilder sind <Romantische Räume>, ab 2017, wo die Malerin nach ausgedehnten Recherchen Vorlagen romantischer Meister aus der Mitte des 19.Jahrhunderts aufnimmt und diese in ein Licht - Raum - Zeit - Monument einer eigenen neuen Welt verwandelt.

Der Aufwand für die mit grösster Akribie gemalten figuralen Werke ist enorm, manchmal absurd, wie es sich für ausserzeitliche Phänomene gehört ! Die Malerin ist Kapitänin ihres Werks, bestimmt die Komposition, und “wo es durchgeht”, wie sie sagt. Sie kommt von den altmeisterlichen Maltechniken her, malt auf selbst gemachter Kreidegrundierung, lange mit Eitempera, später gleichzeitig mit Oel, dann nur mit Oel als Bindemittel; heute braucht sie Acrylfarben. Das Ergebnis sind traumhafte Anmutungen von surrealen Aussen- und Innenräumen europäischer und asiatischer Ausbildung. Sie üben eine intensive Anziehung auf Betrachterinnen und Betrachter aus, und rufen Gefühle von Trost und Sehnsucht hervor. 

Ohne Frage ist das Werk dieser Künstlerin ambitionierter, als sie sagen will. Es ist frei vom etwas reaktionären Fluidum einer gewissen figuralen Malerei für ein gewisses Publikum.  Es ist tröstlich, aber eben nicht anmassend oder pathetisch, und es ist alles andere als harmlos. Es ist nicht Wahrhaftigkeits- oder Andachtskunst früherer Zeiten. Es ist auch nicht Kopieren von Altmeistern zu Uebungszwecken (zum Beispiel Ingres) oder als Selbstzweck (wie heute in China). Auch ist es kein kritischer Kommentar zur postmodernen Zerebralisierung der Kunst seit Duchamp. Viele Künstler haben frühere Werke neu interpretiert, immer im Stil ihres eigenen Zeitgeistes (zum Beispiel Gerhard Richter, Verkündigung nach Tizian, 1973). Siegfried jedoch verwendet die Sprache der Herkunftsbilder und fügt diese Elemente nach literarischen Kriterien neu zusammen, verändert und ergänzt sie nach eigenem Gutdünken. Sie kann in die alten Werke eintreten, sie rejuvenieren, und diesen die eigene Seele einhauchen, die eigene Geisteskraft. Siegfried hat sich ohne irgend eine Form expressiver Allüre von den Engnissen der figurativen Malerei befreit. Aber gerade nicht nach dem Schema des immerwährenden Douglas Crimp in regressiver oder progressiver Form, vielmehr in demütiger Achtung vor der Kunstgeschichte. Daraus hat sie formal ebenso wie inhaltlich ein eigenständiges Werk von grosser Virtuosität und Poesie entwickelt.
Beat Selz, 21.01.2019
 

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Beat  Selz
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